100 Jahre Staubsauger 

Zeit, Raum und Naturverhältnisse überwinden? Nach 1810 wurde durch Kohlevergasung Stadtgaslicht möglich, die Dampfeisen- und die Stadtbahn. Diese Systeme bedingten Schwerindustrie und Verkehr, und eine zentrale Industrie mit grossen Städten, die wiederum viel Staub aufwirbelte. Ihren Komfort erkaufte sich diese neue  Zivilisationsmaschine russend, 

staubend und schmutzend – der Besen erschien immer wirkungsloser und die Haushaltshilfen wanderten in die Industrie ab  – zum Glück gab es die neue Erfindung des Staubsaugers. Oder hatte der Staubsauger eine Chance, weil der Dreck unausstehlich wurde?

Christoph Glauser hat mit „Einfach blitzsauber“ die Geschichte des Staubsaugers vorgelegt, pünktlich zum 100. Geburtstag des frühesten, rechtmässigen Patents. Beantragt hatte es der Londoner Brückenbauingenieur Hubert Cecil Booth 1901.

Booth beobachtete eine Putzdemonstration der Eisenbahn, bei der mit Pressluft der Staub durch die Fenster gedüst wurde. Booth meinte, Saugen sei effizienter. Er konstruierte eine Vakuumpumpe. Sein Geniestreich bestand darin, die herrschende Systemlogik zu hinterfragen. Die bestand darin, stur den jahrhundertealten Denkpfad des Fortblasens von Staub weiterzuverfolgen. Booth stattdessen erkannte, dass Saugen einfacher wäre als Blasen. So offensichtliche  Gedanken lagen allerdings in der Luft. Booth setzte ihn beweisbar am schnellsten um. Praktisch zeitgleich erstellte der Amerikaner David T. Kenney eine erste Vakuum-Entstaubungsanlage. Ein Jahrelanger Londoner Rechtsstreit bestätigte Booths Erstpatentanspruch. Ähnliche Gleichzeitigkeiten gibt es von der Glühbirne, vom Telegrafen und vielen anderen "Erfindungen" zu berichten...

Wie gesagt, dank Blasebalg war die Idee, Staub aufzublasen, Allgemeingut – aber aufzusaugen? Im Industrie-Epizentrum England, wo viele Wohnungen mit Teppichen aus den Kolonien ausgelegt waren, stellte sich die Reinigungsfrage vordringlich. Hier wurde auch der Teppichroller erfunden, der das mühsame Ausklopfen etwas verringerte und das Staubverteilen – worauf das Besen und Bürsten allzu häufig hinausläuft – ein mässiges Ende hatte. Der Teppichroller blieb noch lange Jahrzehnte, praktisch bis in die 70er, ein günstiges Reinigungsgerät.

Elektrische Pressluftgeräte, die zum Beispiel zum Reinigen von Kraftwerken Einsatz fanden, fanden ihre Grenze eindeutig im Haushalt. Bis Booth das Staubsaugen buchstäblich salonfähig machte. Booth bot allerdings nicht Handstaubsauger an, sondern Reinigungsdienste. Er montierte seine Elektroluftpumpen auf Fahrzeugen, die auch gleich den nötigen Benzinmotor mitführten. Die Saugluft wurde durch lange Schläuche durch die Fenster des Hauses geführt, wo die Putzmannschaft einen Tag und länger wirkte, bis von oben bis unten alles blitzsauber war. Erst später ging sein Unternehmen, heute „Goblin“, zu Handsaugern über. Anfangs gab es zudem unter dem Hauspersonal durchaus Diskussionen darüber, dass ihre Arbeit wegrationalisiert würde. Die relative Arbeitskräfteknappheit dieser Zeit entschärfte das Thema indes.

Der besagte Kenney andererseits entwarf für die New Yorker Hochhäuser folgerichtig ein internes, sowie stationäres System mit festen Rohrleitungen. Heute kommt es in Einfamilienhäusern wieder in Mode.

Anders als Kenney und Booth ging der Asthmatiker James Murray Spangler vor. Die Legende sagt, der Pförtner eines Warenhauses habe mit dem Kopfkissenanzug seiner Frau experimentiert und schliesslich einen aufrecht stehenden, an einem Besenstil befestigten Sauger gebastelt. Diesen stellte er seinem Jugendfreund, dem Lederwarenfabrikanten W.H. Hoover vor – der die Marktlücke erkannte. 1908 begann die Werbekampagne für Hoover. Im englischsprachigen Raum sind Hoover und Goblin heute praktisch synonym für Staubsauger. 

Im übrigen setzten sich AEG, Siemens, Elektrolux, Nilfisk und Vorwerk an die Spitze der Saugbewegung. Bis nach den Zweiten Weltkrieg blieb das Gerät ein Luxus. Die Sauger wie die nötige Elektrizität waren teuer, weit teurer jedenfalls als die ohnehin "angestellte" Hausfrau. Aber wiederum nicht so teuer wie mehrere Haushalts- und Putzhilfen, die teuer und rar wurden. So wurde im Gefolge der Wirtschaftskrisen und Inflation die eine oder andere „Dame“ gezwungen, selbst zu putzen. Da bot der Staubsauger zeitrichtig eine (weniger demütigende) Alternative ("Dame und doch „Hausfrau“, lautete ein Werbeslogan der AEG). Technische Entwicklung, Nachkriegswirtschaftskapazitäten sowie die, bis Mitte 50er Jahren durchgeführte Vollelektrifizierung der Siedlungen, erlaubte dann allmählich – mit Auto, Kühlschrank und Fernseher – den unaufhaltsamen Siegeszug des Haushaltsstaubsaugers.

Spielte die Hygiene schon in der frühen Staubsaugerwerbung eine grosse Rolle, so ist die scheinbare Keimfreiheit nach wie vor ein grosses Werbeargument. Z.B. der Bakterienfilter im Gebläse. In den 60ern wurden auch zig-tausende Geräte verkauft, deren Staubbeutel mit DDT zur Keimabtötung imprägniert waren. Über die gesundheitlichen Folgen, dieser sauberen Bakterienreinigung ist relativ wenig bekannt...

Christoph Glauser legt mit „Einfach sauber“ eine gescheite, lesbare Studie vor, mit ausgewählten Fotografien, ohne die sogenannten Randaspekte dieser Technik-Story zu vernachlässigen. 

Christoph Glauser: Einfach blitzsauber. Orell Füssli-Verlag, Zürich, 2001, ISBN 3-280-02681-4

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