Dreieckland StromReport Von Roll Award 2001 (akt. 06.06.2004 ) Pressebüro © Marc Gusewski   4410 Liestal  Switzerland   Kontakt per: Email 


 

Marc Gusewski erhält den goldenen Fuchs der Von Roll Stiftung

Preisgekrönter Journalismus 

  "Vom StromKartell  zum Konzernstrom" (PDF), Erschienen in der "Basellandschaftlichen Zeitung" 

Ausgezeichnet durch den Von Roll Award 2001

 

Vom Stromkartell zum Konzernstrom

"Electricitaet" zu "Swiss Citypower AG"

Horizontal gegen Vertikal

Watt Ihr Volt oder Qualität

Energie und Strom steuern

"Eric Nussbaumer -  was ist aus Ihrer Sicht nötig?"

 

"Electricitaet" zu "Swiss Citypower AG"

Nach 150 Jahren wird weltweit der Elektrizitätswirtschaft ihr bisheriges Monopol entzogen. Elektrizitätsmarktgesetze bilden neue stromwirtschaftliche Verfassungen. Wo werden sich die Elektra-Genossenschaften wiederfinden, neben Wirkungen und Risiken des neuen Marktes?

Liestal. Frequenz und Spannung im Netz bleiben, Strombörsen lassen Preise neu entstehen, alte Firmen vergehen: von der grossen Öffentlichkeit weitgehend undiskutiert, formiert sich der Elektrizitätsmarkt neu. Hochspannung herrscht auch zwischen Liesberg und Schwaderloch und von Schönenbuch bis "Ammel". Heute noch wirkt die Stromversor-gung wie eine Lädeli-Landschaft - im Anmarsch sind die Stromkonzerne die viel besser als kleinere Firmen "Marken bildend" wirken... Vor 118 Jahren - zur Beleuchtung des Kantonalen Gesangsfest in Gelterkinden - vermerkten die Baselbieter respektvoll die hoheitlich geregelte "Electricitaet" - demnächst offerieren "Axpo" und "Swiss Citypower AG" Produktabwechslungen...

Bunter Strom - Politik abwartend

Auch die Baselbieter Elektra-Genossen-schaften bewegen sich, indem die EBM "Rainbow Power" (Hol Dir den sauberen Strom ins Haus!") zum Beispiel plakatiert und die EBL ein Holzfeuerchen nach dem anderen in Quartierwärmenetzen entzündet für eine umweltfreundliche Energienutzung aus erneuerbaren Rohstoffen... Ob es ausreicht, für Kunden attraktiv zu bleiben? Eine bittere Pille dagegen ist, dass das Parlament - auf Begehr der öffentlich-kontrollierten Kraftwerkswirtschaften - nach gegenwärtiger Planung die Haushalte und Kleinkunden erst 2006 frei wählen wird wählen lassen dürfen. Wann und wie die Strombezüger genau von dieser Konkurrenz profitieren, bleibt bis Herbst (Energie-Abstimmungen) offen - aber immerhin verheissungsvoll.

Elektrisierende, neue Strukturen

Ein Bild der Gegenwart ist für die Region schnell gezeichnet. Mit wenigen Schnitten wurden in diesem Jahr hundertjährige Strukturen über den Haufen geworfen. Seit dem 11. Februar 2000 herrscht inoffiziell Wettbewerb. Speziell die Baselbieter Elektra-Genossenschaften geraten unter Druck, da sie keiner Gross-Allianz von Endkundenversorgern angehören.

Die Industriellen Werke Basel (IWB), die offensiv mit Gas-Energieanlagen Baselbieter Kunden ködern, gründeten mit 15 weiteren Stadtwerken in Luzern ihre Vertriebsgesellschaft die "Swiss Citypower AG", neu der grösste Schweizer Endkundenversorger. Darüber hinaus verband sich die "Swiss Citypower" mit einem der welt-grössten Energiekonzerne, der texanischen "Enron AG", die in Europa nach eigenen Angaben bereits 2000 Mitarbeiter beschäftigt.

Im Fricktal ist die AEW Ener-gie AG bereit zur Integration in die "Axpo". Sie bildet den potentiell zweitgrössten Schweizer Versorger im Endkundengeschäft. Vorher hatten die Aargauer ihr Elektrizitätswerk in eine Aktiengesellschaft umgegründet (was im Juni dem Zürcher Stadtrat in der Volksabstimmung miss-lang - und in Basel informell ein Thema unter Strom bleibt).

Baselland - Hand in Hand mit EdF?

Gegen "Axpo" und "Swiss Citypower" wirken die Endkundengeschäfte der Baselbieter Elektra-Genossenschaften Birseck-Münchenstein (EBM) und Baselland (EBL) winzig. Diese suchten bisher eine engere Zusammenarbeit untereinander (Fusion ist kein Thema), und erhöhten gleichzeitig ihren Aktienanteil am grössten Schweizer "E"-Handelsunternehmen in Olten, der "Aare-Tessin für Elektrizität" AG (atel). Sie, die "atel", ist für die Fernstromversorgung des Baselbiets zuständig, das praktisch keine eigene Kraftwerkskapazitäten aufweist (s. Kasten).

Hingegen navigiert die Atel indirekt - via der Badener Motor-Columbus AG, die die Atel beherrscht - bereits im Bannstrahl des Europäischen Ersten, dem (Atom)-Stromriesen Electricité de France (EdF) - auch wenn dies offiziell dementiert wird. Atels Rolle im Schweizer Endkundenmarkt gilt als offen, ebenso wie im Europäischen Markt, wo sie als Schweizer "EdF"-Aussenposten wahrgenommen wird. Die Bernischen Kraftwerke AG (Laufental) verharren zunächst am Ort, so macht es jedenfalls den Anschein.

Konkurrenz belebt "Schweizerhalle"

Rechtsrheinisch - mit Blick auf das "heisse" Stromgeschäft in Schweizerhalle, um das die Elektra Birseck fürchten muss - übt die in Karlsruhe ansässige "Energie Baden-Württemberg AG" (EnBW) die Hoheit aus. Sie wurde 1999 zu einem Viertel vom Bundesland Baden-Württemberg an die EdF verkauft. Die EnbW stehen im Begriff, die, mit dem Stromverkauf der Elektras verglichen, doppelt so grossen Kraftwerke Laufenburg (KWL)/Kraftübertragungswerke Rheinfelden (KWR) aus Schweizer Besitz (Watt-Gruppe) aufzukaufen. Die kleineren deutschen, oberrheinischen Stadtwerke sondieren eine Zusammenarbeit als "Lohengrin"-Verbund; die hochrheinischen ein "Südelektra"-Netz. Deutsche wie französische Nachbarn könnten theoretisch demnächst in der Nordwestschweiz Strom anbieten. Es sei denn, die EdF als grösste kontrollierende Kraft im Dreiland, ausser in Basel, lässt die Situation (garantiert gewinnbringend für die bisherigen Gebietsversorger) so wie sie heute ist und begnügt sich mit ein wenig Konkurrenzkosmetik - das wäre ein harter Schlag fürs Wettbewerbsprinzip!

Adé Schweizer Stromlegende

Fernerhin ist seit dem 1.1.2000 der  jahrzehntealte, legendäre europäische "Stromstern" Laufenburg nur noch Geschichte, praktisch unbemerkt von der Öffentlichkeit. Die Deutsch-Schweizer Eigentümer der Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg (EGL bzw. Watt AG) entkoppelten die Verbundnetz-Regulierung (die hier für Süd-Europa stattfindet) vom gewohnten Stromgeschäft der Watt AG, deren Schicksal damit Anfang Jahr besiegelt wurde (nicht erst seit den Äusserungen vom Zürcher Stromboss Peter Wiederkehr im Juni). Die Drehscheiben-Funktion der Schweiz für die Stromversorgung in Europa - einst der Stolz der "elektrischen Schweiz" - ist massiv relativiert und wird weitgehend neutralisiert durch die neuen Strombörsen in Amsterdam, London, Leipzig, Frankfurt und andernorts. Das zeigt: die Tendenz geht zu Millionenmärkten. Conrad Ammann, ehemaliger Vize-Direktor der Elektra Birseck-Münchenstein (EBM) und heute Boss der Stadtzürcher Elektrizitätswerke (EWZ) sagte im Juni an einer Tagung der Unternehmensberater "Ernst & Young": "Die Unternehmen mit mehr als einer Million Kunden und die ganz kleinen werden überleben". Zu den nicht mehr Kleinen zählt Ammann die Baselbieter Elektras - ihnen fehlen mindestens 860'000 Kunden zur vollen Million. Seitenanfang


Baselland fernstromversorgt

Alleine die Rheinkraftwerke Augst  und Birsfelden produzieren soviel wie die Elektra Baselland (EBL) ungefähr jährlich benötigt, um den Elektrizitätsbedarf des Oberbaselbietes zu befriedigen. Dieser Rheinstrom gehört den Aktionären der beiden Kraftwerke. Dies sind der Kanton Basel-Landschaft, der Aargau, Basel-Stadt, der AEW Energie AG sowie der EBL und die Elektra Birseck-Münchenstein (EBM). Jeder bezieht sein Quentchen. Darüber hinaus versorgen einige grössere "kleinere" Wasserkraftwerke die Region (Dornach-Brugg z.B.) - und auch der Werkstattstrom hat seinen Glanz. Seine Dimensionen messen 0,001 bis zu ein paar Megawatt, nämlich; Blockheizkraftwerke, Solarstromanlagen, Brennstoffzellen (in Birsfelden, demnächst auch Münchenstein), einem Windkraftwerk (Sol, Langenbruck), Stirling-Motoren, Biogas-Anlagen - andernorts funktionieren auch Holzkraftanlagen - in Ormalingen geriets bekanntlich zum Fiasko... Wenn der Elektrizitätsbedarf massiv geringer wäre, wofür energiepolitische Elektrizitäts-Effizienzprogramme (wie "Energie 2000") und Verzichte auf Elektro-Heizungen gebieten, könnte der Strom, der spielend in Werkstätten produziert werden kann, eine grössere Rolle spielen.

Die Pläne für ein Prattler Kohlekraftwerk wurden vor fünfzehn Jahren im Ideenstadium verworfen und das Kraftwerk Birsfelden verschenkt sein Expansionsareal am Birskopf der Gemeinde, wo einst ein Gaskraftwerk gedanklich platziert wurde. Einstweilen beherrschen deshalb die Schweizer Überland-Kraftzentralen das Bild: die Speicherkraftwerke in den Alpen sowie die schweizerischen Atomkraftwerke der 600 bis 1000 Megawatt-Kategorie. Während die Stadt Basel ihre Stromversorgung aus zahlreichen "Partnerkraftwerken" in den Alpen beziehen (also aus mitfinanzierten Produktionsstätten), wird Baselland im wesentlichen mit Strom der Aare-Tessin AG für Elektrizität (Atel) in Olten versorgt, der von den Elektra-Genossenschaften weiterverteilt wird. Das Baselbiet (und Basel) hängen (vereinfacht gesagt) am 220-Kilo-volt Verbundnetzring der Atel mit den Unterwerken: Gösgen-Ormalingen-Froloo (Therwil)-Lachmatt (Pratteln)-Laufenburg-Gösgen. Rein rechnerisch reicht ein knappes Drittel der Kernkraftwerk Gösgen AG, um die maximale Baselbieter Stromnachfrage (in der Regel ein besonders stromintensiver Wintertag) leistungsmässig auszugleichen.

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Muttenz' "Power of now"

Während es sich beim Strommarkt um Grösse, Absätze und Expansionskriterien dreht, wirkt in Muttenz seit 1982 ein Kraftwerk ganz anderer Art, geerdet und blitz-gescheit. Kein Mensch hat seither je seine Leistungen beschrieben, seine Sauberkeit, seine Erfolgsbilanz - und man kann nur von Erfolgsbilanz reden: Werner Traber gründete an der damaligen Ingenieurschule beider Basel das Nachdiplomstudium Energie (heute: Institut für Energie). Jahr für Jahr schleuste Traber und sein Team Absolventen durch, die an entscheidenden Stellen in Gemeinden und Wirtschaft sitzen. Ein bisschen schrauben hier, ein bisschen schrauben dort - schon ist zusätzliche Energie gewonnen. Ein bisschen vorausdenken hier, ein bisschen vorausdenken dort: die Basler Chemie macht mit verhältnismässig weniger Kilowattstunden mehr als vor zwanzig Jahren. Traber begann zu einer Zeit für seine Sache zu werben, als Energiekonzepte und bessere Wirkungsgraden als wirtschaftsfeindlich, staatliche Einmischung und planwirtschaftlich gebrandmarkt wurden. Dagegen scheint der intelligente Umgang mit Energie im 21. Jahrhundert relativ salonfähig geworden zu sein, mindestens wird es bei der Wirtschaft vorausgesetzt wird, während die Privathaushalte mehr machen könnten. Seitenanfang


Horizontal gegen Vertikal

Elektrisierender, neuer Strommarkt: Städtische "Horizontale" gegen "vertikale" Landschäftler, im Grossverbund mit der Oltner "atel" ?

 Weshalb fehlen der Elektra Birseck-Münchenstein (EBM) und der Elektra Baselland (EBL) mindestens 860'000 Kunden zur Millionengrenze und damit die Masse zum Überleben?

Conrad Ammann, ehemaliger Vizedirektor der EBM und heute Direktor des Elektrizitätswerkes der Stadt Zürich sagte an einer Tagung der Unternehmensberater "Ernst & Young" im Juni: "Sie brauchen Grösse, um ihren Kunden kostengünstig Strom zu verkaufen. Ob Sie nun 100'000 oder 1'000'000 haben, ist nicht so entscheidend".

"Grösse", so erklärt Eduard Schumacher, Direktor der Industriellen Werke Basel (IWB) gerne: "braucht es um einen vernünftigen Service zu leisten und bei den Kunden im Bewusstsein zu bleiben". Schumacher bedauert deshalb, dass die Stadt und die Landschaft unterschiedliche Wege gehen: die IWB entwickeln sich zum Netzdienstleister im Rahmen der "Swiss Citypower AG" - dagegen bekräftigen Klaus-Peter Schäffer und Hans Büttiker ihre klassische Rolle als "Elektrizitätswerk" und distanzieren sich von der "Citypower". In der Fachsprache: die Städer sehen sich als "horizontal" (auf eine Ebene konzentriert) integriert (wie auch die Aargauer bzw. "Axpo"), die Landschäftler als "vertikal" (als Werk mit Erzeugung, Übertragung und Verteilung) verankert. Dies ist vielleicht das gegenwärtig wichtigste Merkmal der Nordwestschweizer Versorgungslage. Bemerkenswert, immerhin wird den "Horizontalen" mehr Perspektive als "vertikal" Integrierten eingeräumt. Sie erscheinen manövrierfähiger.

Watt- und Volt-Konfektionsgrössen

"Wer sagt denn, dass die Dimension so entscheidend ist?", antwortet Klaus-Peter Schäffer auf die Grössenfrage: "Darüber ist das letzte Wort nicht gesprochen", erklärte er Ende Juni. Die Watt und Volt-Konfektionsgrösse spielt mehr noch für die grösste der kleinsten Baselbieter Elektras eine Rolle; die Sissacher (neben Itingen, Augst, Maisprach, Reigoldswil). Ihnen spricht der drastische Ammann paradoxerweise Trost zu: "Die Kleinsten haben gute Überlebenschancen. Sie erledigen vieles direkt und mit geringstem Aufwand". Heinz Thommen, regulär demissionierter Präsident in Sissach, gab sich gegenüber der "Basellandschaftlichen Zeitung" siegesgewiss: "Warum sollen wir es nicht schaffen können? Wenn ich unsere Zahlen mit denen anderer vergleiche, habe ich keine Zweifel".

Sicherlich ist die Baselbieter Elektra Titterten eines der ersten Strommarktopfer der Schweiz gewesen. Als man das Netz letztes Jahr an die Elektra Baselland verkaufte (und sich auflöste), sagte Präsident Paul Schweizer: "Besser jetzt verkaufen, als wenn die Gebote den Markt überschwemmen".

Die Augster Ortsversorger betonen dagegen ihren Selbstbehauptungswillen mit einer Portion Stolz - wie Reigoldswil und Maisprach - in Itingen dürfte die Elektra absehbar mit ihren Industriekunden Probleme bekommen. Was bleibt, ist grossflächige Ratlosigkeit im elektrischen Kraftfeld. EBM-Verwaltungsratspräsident Rainer Schaub weiss immerhin eines (obwohl es Fragen über die künftige Form der Elektras offenlässt): "Wir werden diese Branche in einigen Jahren nicht mehr wiedererkennen".

Nischenmärkte für Grünkräfte

Man spricht von "Skalenvorteilen" beim Strom, dem neuen entmonopolisierten Massenmarkt - es sind die gleichen Kräfte, die auch die Ölkonzerne nach immer grösseren Marktanteilen greifen lassen. Beobachter gehen beim Strom von einer ähnlichen Entwicklung aus. So gesehen entstehen die Kolosse und - die Nischenmärkte zum Beispiel für "Grünen Strom" - worauf die Basellandschaftliche "Adev Energiegenossenschaft" hofft, die überhaupt auf eine Tradition als eine der ersten "Strompiraten" auf sich aufmerksam machen konnte. Funkstille herrscht beim Kanton, der über Kraftwerksanteile verfügt und selbst ein grosser Stromkunde und Eigenstromerzeuger ist.

Tatsache ist, landauf-landab gehen die Wetten: wer überlebt? 300-500 heisst es, oder auch nur 30-50? Es wird Verteiler, Erzeuger, Makler, Bündler (sie "bündeln" beispielsweise den Strombedarf von Liegenschaftsverwaltungen, um günstigeren Strom zu erhalten) geben.

"Man hat uns das Monopol geraubt. Wie wir zurecht kommen, müssen wir sehen. Die Finanzen der Konzerne haben wir nicht", erkannte Reinhold Tschopp, Waldenburg, turnusmässig Präsident der EBL, an der Delegiertenversammlung am 15.6. in Pratteln. "Wir werden uns auf unsere Genossenschaftstradition konzentrieren und solidarisch die beste Lösung fürs Baselbiet suchen".

Früher Mahner: Stromrat Belser

Früh kündigten sich die Treibkräfte für Grösse an. Am 10. Juni 1994 forderte Regierungsrat Eduard Belser die Elektra-Elektrizitätsversorger auf, auf Autonomie-Kurs zu gehen: "Geht die ‚Atel' in ausländische Hände, dann sollte die Nordwestschweiz Kooperationen eingehen und sich auf Selbständigkeit ausrichten". EBL-Direktor Klaus-Peter Schäffer versprach: "Wir werden die Situation im Auge behalten".

Heute sind die Elektras mit mehr Kapital denn je an der "Aare-Tessin AG für Elektrizität" (ATEL) beteiligt (s. gestriger Beitrag) obwohl die "Atel" als Filiale des europäischen Stromriesen Electricité de France (EdF) wahrgenommen wird. Heute hoffen die Baselbieter, dass die Schweizer Anteilseigner ihre knappe Mehrheit am Atel-Aktienkapital behalten können. Doch das letzte Wort hat die Mitaktionärin UBS, deren Eigentümerstrategie als nebulös gilt. Frustriert äussern sich Beteiligte: "Der Vertreter der UBS im Verwaltungsrat der ‚Atel' tappt wahrscheinlich selbst im Dunkeln, über das, was seine Chefs vorhaben". Die Atel-Eigentümerschaft spielt eine Rolle, denn der Punkt ist der: Die Elektras legen viel Hoffnung in einen wie auch immer gearteten kraftvollen Zukunftsverbund mit der "Atel" in Olten - über genaueres wird geschwiegen. Was, wenn die Strategie ihr Ziel verfehlt?

Das Ausland sorgt ohnehin für Schubkraft zu XXL-Stromkonfektionsgrössen - ohne schweizerische, gesetzgeberische Eigenheiten abzuwarten. Rainer Schaub hat folgende Anekdote zum Thema Euro-Strommarkt parat, nimmt einen tiefen Zug aus seiner Pfeife, sagt dann: "Die grossen Werke haben sich in letzter Zeit vorgenommen im neuen Markt um zehn Prozent zu wachsen. Ja, wenn die ‚EdF' um zehn Prozent wächst, nimmt sie die ganze Schweiz mit".Seitenanfang

 

Watt Ihr Volt oder Qualität

Umweltverfassungsmässigkeit ist für das Kriterium Stromqualität im Markt mindestens so wichtig wie Watt- und Volt-Quantitäten

Die "Electricité de France" (EdF) ist das Drohgespenst der Elektraniken und Grünkräftler - was sind die Kriterien? Liestal, 5. April, Alters- und Pflegeheim Frenkenbündten, Sitzungsraum. Anwesend: zwei Journalisten, zwei charmante Mitarbeiterinnen der Elektra, Stadtrat Heiner Karrer, EBL-Vizedirektor Peter Schafroth, Werner Rutishauser sowie Heimleiter Ruedi Eggimann.

Eine "kleine Erfolgsgeschichte (im nicht so erfolgsgewohnten Liestal)", trägt Schafroth vor. Als Kunde bestätigt Eggimann die Qualität der "Wärmeversorgung Frenkenbündten AG", um die es hier geht. Für Nahwärmeversorgung riss das Heim die (altersschwache) Pionier-Holzschnitzelheizung heraus. Sie wurde beim ersten Einheizen vom Fernsehen abgedreht - dank alt Regierungsrat Werner Spitteler ist Holzenergie heute schwer unterwegs.

Statt vieler Einzelheizungen sorgt ein Blockheizkraftwerk, gefertigt im Waldenburgertal von der 30-jährigen Pionier Firma Dimag Energie AG, für "Totalenergie" wie's früher hiess. Diese Komfortoffensive der EBL ist das Nahwärmeprogramm , die den Haushalten die Bewirtschaftung der Einzelheizung abnimmt. Dies entspricht zudem dem Prinzip der "Sustainability" (Nachhaltigkeit) - ein Trendprodukt.

Die "Harry Potters" der Energie?

Vier Tage vor dem Tête-a-Tête im Öko-Komfort umsorgten "Frenkenbündten", am 1. April, fror Ruedi Eggimann im Freien und rieb sich die Hände. Mit einer kleinen Feier wurde die grosse Erinnerung inszeniert an die Volksbewegung gegen das Atomkraftwerk Kaiseraugst. Eggimann sorgte für die vegetarischen Bratlinge. Hätte man ihm vor 25 Jahren einen gemeinsamen Pressehock mit der EBL prophezeit, vermutlich hätte er einen für verrückt erklärt - umgekehrt genauso. Das Atom spaltete die Gesellschaft. Was ist passiert? Sind Eggimann und Schafroth die Harry Potters der Energie?

Weder Magie noch "Drudenfuss" - Lernprozesse führte beide zusammen. Bei "Weissem" und energiereichen Appetithäppchen sagte Eggimann: "Herr Schafroth. Was sie heute machen, ist, was wir jahrelang forderten". "Tja", entgegnete Peter Schafroth, ein pfiffig wirkender Typ, nachdenklich"die Fronten waren verhärtet. Wir hatten uns auf das Atomkraftwerk festgelegt und danach neue Lösungen gesucht".

Kaiseraugst - Sündenbock der Chemie

Die Frage nach Elektrizitätserzeugung und Naturwirkung ist im Kern die, die im Streit um "Kaiseraugst" im Hintergrund stand. Man könnte sagen, die Energiefrage ist die Elektrizitätsfrage ist die Atomfrage ist die Umweltfrage. Eine andere, psychologische Variante bot der Baselbieter Hans Fuchs und Atel-Kraftwerksverantwortlicher kürzlich am "Euroforum" an: "'Kaiseraugst' war der ‚Bock' für die Sünden der Chemie"...

Ein Basel-Land voll Energie

Energiepolitik als Psycho-Spielchen? Wohl doch mehr: Basel-Landschaft "wurde im Gefühl geboren, dass ihm die Zukunft gehöre", sagte 1975 der Schriftsteller Adolf Muschg. So verankerte man als erster "eingedenk seiner Verantwortung vor Gott für Mensch, Gemeinschaft und Umwelt" die Natur in der Verfassung. Formuliert von alt Ständerat und Verfassungsrechtler René Rhinow, dem Erfinder des Öko-Liberalismus. Neben dem Naturschutz sieht die Verfassung im Wesenskern eine Abwehr gegen Atomenergie vor - aufgrund der Erfahrungen mit "Kaiseraugst". Auf diesem Hintergrund wirkt die Fernstromversorgung des Kantons (s. Teil I) zur Hauptsache umso merkwürdiger.

Dennoch: Basel-Land ist voll neuer Energie. Es setzte 1979 mit dem ersten Energiegesetz, das in den 80er Jahren um "Elektrizitätsparagraphen" erweitert wurde, einem helvetischen Meilenstein. Das Jubiläum wurde übergangen. Ein öffentliches Kurzgedenken holte alt Regierungsrat Hans Fünfschilling am 10. Februar in Basel nach. Er erinnerte daran, dass der Energieverbrauch einer gemeinwirtschaftlichen Vorsorge zu unterziehen sei. Hans Fünfschilling: "Wir im Baselbiet haben den Menschen zu fühlen gegeben, dass Energieverbrauch und Verhalten zusammenhängen. Die Geschichte hat unserem Schritt und dem Energiegesetz Recht gegeben. Energie braucht Gesetze".

So gesehen, bereitet der Euro-Strommarkt einem "Umwelt-verfassten" Staatswesen Probleme. "Billigststrom" ist zumeist Öko-Dumpingstrom. Weder die Kosten für die fossile Energieversorgung ("Treibhaus-Effekt") noch für die nuklearen Altlasten sind versicherbar oder gedeckt: "Uns rührt an, ob französischer Atomstrom oder Kohlestrom aus Osteuropa die Umwelt belastet", bekräftigte der Basler SP-Nationalrat Ruedi Rechsteiner. Basels Regierungsrätin Barbara Schneider bekundete: "Wir wollen Strom, der ohne Öko-Dumping auskommt". Ruth Gisi, Solothurner Regierungsrätin sagte: "Wir sollten unsere Umwelt-Energie-Vorstellungen nicht auf Kosten der Biosphäre woanders lösen".

Naturwahrnehmung und Strom

Ökodumping ist für ein sozial- und naturverfasstes Staatswesen so moralisch wie Warenhandel aus Kinderhänden. Weil die Atomfrage als Ökodumping und sogar als demokratiefeindlich betrachteten (was der Fichenskandal bestätigte), haben vom 80-jährigen bis zu den Jüngsten in den vergangenen dreissig Jahren Tausende von Baselbietern, die sich in Bürger-Initiativen sammelten, ehrenamtlich und politisch energievoll engagiert, wie Ruedi Eggimann zum Beispiel. Kräfte wie alt Ständerat Werner Jauslin suchten ferner mit Eigenleistungen den Beweis für ein ökologisch-ökonomisches Wirtschaften zu führen. Oder z.B. auch die "Aerni"-Fensterfabrik mit ihrer Solar-Energieproduktion in Arisdorf oder die Ettinger "www.gugger-sunne.ch"!

Für die solare Symbolkraft wurde wahrscheinlich soviel privates Geld wie noch nie für ein Naturprogramm investiert, was ihre hohe Wahrnehmung erklärt. Viele werfen ihr persönliches Prestige für die Stromqualitätsfrage in die Waagschale - wie Basels Gewerbedirektor Christoph Eymann: "Deutschland, die USA, Japan, sie investieren gemeinschaftlich in die neuen Energien. Wollen wir Schweizer auf unseren umwelttechnischen Vorsprung verzichten, um ein paar Rappen zu sparen?"

Seit 1994 erweiterte die EBL ihr Spektrum um die naturintegrierte Energieversorgungs-Idee wie Nahwärme, keine börstentaugliche Idee: "Wir könnten es vergessen, wenn wir 15 oder 18 Prozent Rendite bringen müssten wie an der Börse", weiss Peter Schafroth. Noch gelten die Baselbieter Elektraniken als mündelsicher - Ökodumping wäre der Kurzschluss für den Strommarkt im umweltverfassten Staat.Seitenanfang


Brennstoffzellen und Stirling-Motor

Die Elektra Birseck  wird für etwa gegen fünf Millionen Franken im Herbst ihre erste Brennstoffzelle installieren. In Birsfelden und Basel befinden sich bereits welche im Probebetrieb. Brennstoffzellen sind im Prinzip gasbetriebene Batterien - ihnen wird eine grosse Zukunft eingeräumt. Auch der Stirling-Motor des Ökozentrums Langenbruck ist eine hochinteressante Entwicklung, da er sprichwörtlich mit heisser Luft auskommt. Dezentrale Kraftquellen waren die letzten dreissig Jahrzehnte die Domäne von Klein(st)en- und mittleren Unternehmen (KMU), die von der elektrotechnischen Industrie belächelt - und aktiv behindert - wurden. Heute schustern ABB und Siemens die Ideen ab und werben mit Blockheizkraftwerk- und Windenergieprogrammen! Seitenanfang

 

Der teuerste Strom der Welt

Hier stimmt die Elektrochemie: Als ein führendes "Power-House" gilt die Renata AG in Itingen - für Strom, der unterwegs ist; Batterien und Akkumulatoren. "Echte ‚Power-Packages' sind das", sagt Unternehmensgründer Kurt Zehntner wenn er seine neuste Errungenschaft vorstellt: wiederaufladbare Lithium-Ion-Batterien. Denn erst Mini-Stromquellen machen das "Handy" zum "Handy" - "das Verhältnis von Gewicht, Preis und Sprechdauer müssen stimmen", analysierte Renata-Projekt-Manager Wolfgang Haupt. Dazu trug das Renata-Team neueste Fertigungstechniken aus dem "Swatch"-Konzern zusammen und startete dieser Zeit mit der Handy-Akku-Fertigungslinie ihr neues Programm.

In ihrem Segment zählt die Renata zu den führenden Unternehmen. 1952 begann sie mit mechanischen Uhrenbestandteilen. Am Boom der japanischen Quarzuhren in den 70ern erkannte Kurt Zehntner den Bedarf nach Mini-Batterien. Heute produziert die Renata (www.renata.com) täglich eine Million Knopfzellen für Uhren, Kameras, Taschenrechner, Hörgeräte und "Power Modules" für Computer, die jahrelang das"Bios" elektrifzieren.

Strom aus einer Standard Knopfzelle hat hingegen seinen Preis, wenn man so will: eine Kilowattstunde, zusammengerechnet, kostet z.B. um 5000 Franken - beim Elektrizitätswerk gibt's diese Energiemenge im Schnitt für 22-26 Rappen, aber eben, vom Netz. Indessen: Mit einer Kilowattstunde aus super kleinen Knopfzellen, wofür es in diesem Fall plus/minus 840 Stück braucht, läuft eine "Swatch", jenachdem, mindestens 1'500 bis 2'500 Jahre - einem Tumbler genügt eine Kilowattstunde höchstens für einen Drittel eines Trocknungsvorganges. Müsste daher ein Tumbler mit Knopfzellen betrieben werden, kostet das pro Mal schlappe 15'000 - 17'000 Franken Seitenanfang

 

Via Augst-Wyhlen und Rheinfelden schaltete das Rheinisch Westfälische Elektrizitätswerk (RWE) deutsche Kohle- und Wasserkraftwerke der Schweiz vor 70 Jahren erstmals parallel - heute ist die RWE (nach Aktienkapital) zweitgrösster europäischer Stromer, indirekt am Nordwestschweizer Versorger "Atel" beteiligt - Bild: Zentrale in Essen (© RWE Energie AG)


Energie und Strom steuern

Durch die Energie-Abstimmungen am 24. September 200 werden auch die Elektra-Genossenschaften betroffen werden - ein weiterer Schritt im steten Ringen um die Natur- und Energieverfassung der Region.

1971 stelte die Landwirtschaftliche Schule Ebenrain auf biologische Wirtschaftsweise um - als erster Schul- und Lehrbetrieb im deutschsprachigen Europa. Gerhard Lienhard erinnert das in seinem Buch: "Wahrheitssuche im biologischen Landbau". Man kann es so sehen, Bio-Landbau und Bio-Strom sind Geschwister. Der Landbau bringt die naturnotwendige Energie für den Menschen als Nahrungsmittel bei - die Elektrizität ist ein (kursiv bitte) Treibstoff für Werkzeuge. Bei beidem lässt sich nach der Herkunftsmethode und Umweltwirkung fragen - nach Gerhard Lienhard ist es dann eine Frage der "Wahrheitssuche".

Offenen Auges betrachtet, sind viele Fort-Schritte immer auch Energie-Steuerungen: Wenn von Jagd auf Ackerbau umgestellt wird, oder von Sklaverei und Leibeigenschaft auf das Prinzip der Freiheit und Gleichheit. Der "freie Mensch" verteuerte Humanenergie massiv gegenüber der Sklavenhaltung. Zumal kein anderes Lebewesen in Relation Energieverbrauch/Leistungsvermögen so billig ist wie der Mensch - Pferde liefern einen geringfacheren Energie-"Output" z.B.

Zum Heizen und Kochen und Verhütten benötigten die Menschen Brennbares - aus dem Wald. Sie trieben es bis zur Verkarstung. Berge gerieten ins Rutschen und verschütten das Baselbieter Onoldswil, nur ein Beispiel für eine frühe Energie- und Naturkatastrophe. Dennoch wollte wohl kein Mensch zurück zur früheren "Energieverfassungen" der Vorfahren und sakrosankt ist die nachhaltige Waldbewirtschaftung geworden. Insgesamt geht es uns doch besser als früher.

Neue Energie-Umwelt-Verfassungen gehen mit neuen Spielregeln einher: deshalb wehren sich etwa die Elektra Baselland und Birseck-Münchenstein gegen die Energie-Vorlagen vom kommenden Herbst. Für die Elektra-Direktionen steht fest, dass weitere Energieabgaben und Lenkungsbeiträge verfehlt sind. Elektra Direktoren Klaus-Peter Schäffer und Hans Büttiker lehnen generell Stromverteuerungen ab, auch wenn sie "lenkend" sind. In ihren Augen werden die Elektrizitätslieferanten im Vergleich zu anderen "Energie-ern" wie Heizöl oder Gas zu teuer. Einerseits vergleichen sie sich mit den schweizerischen Konkurrenten, andererseits mit den europäischen.

Befürworter wie der Basler Gewerbedirektor Christoph Eymann oder der Baselbieter SP-Landrat Eric Nussbaumer, sprechen von notwendiger Lenkung zugunsten der Allgemeinheit. Sie sehen Chancen in "Grundnorm" und "Förderabgabe"- bei kleinen Kosten. Auch die schweizerischen Bergkantone sind für weitgehende Annahme der zur Abstimmung traktandierten Vorlagen aus (die bz wird darauf separat eingehen).

Das elektrizitätswirtschaftliche Dilemma, vor allem der wasserkraftbesitzenden Körperschaften (deshalb der Bergkantone), lässt sich am Beispiel vom Kraftwerk Augst klarmachen: 220 Millionen kostete die kürzliche Sanierung, was Stromkosten von 13 Rappen/Kilowattstunde verursachte. An Strombörsen gibt es das gleiche für 4-5 Rappen (aus Kohle und/oder Atom) - so gesehen wäre Augst bankrott, obwohl es von der Umweltwirkung empfohlener wäre...

Das Kraftwerk ist deshalb teuer, weil die technischen Einrichtungen viel Geld verschlangen - die Schwerkraft des Rheins wäre (abgesehen vom kantonalen Wasserzins) gratis. Deshalb könnte Augst irgendwann eine Goldgrube sein, wenn die technischen Anlagen, die teilweise Jahrzehntelang funktionieren, abbezahlt sind. Im Moment hilft das wenig.

Gaskraftwerke, denen die Zukunft vorausgesagt wird, dagegen sind sehr billig beim Einkauf, aber nicht im Betrieb und sie machen Dreck (wenn auch weniger als früher und weniger als Kohle). So gesehen handelt die Elektrizitätswirtschaft, die europaweit Gaskraftwerke ordert, wie ein durchschnittlicher Haushalt der eine billigere Waschmaschine und billigere Glühbirnen energieeffizienteren Geräten vorzieht, weil diese einfach teurer wirken (über die gesamte Lebensdauer sind sie preiswerter).

Gegenwärtig sind die umweltfreundlicheren Elektrizitätserzeugungsarten die teureren genauso wie Effizienzmassnahmen - psychologisch wichtig ist dabei der Unterschied zwischen "Vorzeigenkönnen" und "Nicht-Vorzeigenkönnen", als "Öko-Dilemmatas" bekannt. Mit einem Trick, den Energie-Lenkungsabgaben, sollen die preislichen und psychologischen Hürden zu einer "Energie-Umwelt" verfassten Staatlichkeit genommen werden, sagen die Befürworter: Jeder zahlt ein bisschen zugunsten dem grösseren Ganzen.

Bis heute beruhte die Bewegung im Bio-Strommarkt auf einsamen Vorreitern: einzelne Baselbieter Solarstromerzeuger und Blockheizkraftwerkbetreiber, und/oder Nutzer, zahlen mehr bzw. vielmehr als die grosse, passive Masse der Strombezüger, die nichts tut - was im Baselbieter weniger sind als im Verhältnis zur übrigen Schweiz. Abgesehen von den Energievorlagen, das Baselbiet bietet einen guten Boden für energie-wirtschaftlich proaktive Elektra-Genossenschaften - die unverwechselbar sind im Vergleich mit Stromkonzernen, die auf dem Wege sind, sei es Europa- oder Schweiz-weit. Was am Markt zählt, ist die individuelle Glaubwürdigkeit. In Gerhard Lienhards Worten von 1971: eine Frage der "Wahrheitssuche".Seitenanfang

 

"Eric Nussbaumer -  der Strommarkt soll neu geordnet werden. Was ist aus Ihrer Sicht nötig?"

Eric Nussbaumer: Weder Markt noch Wettbewerb sind Naturgesetze. Deshalb sind Markt und Wettbewerb so auszugestalten, dass es im Ganzen Sinn macht. Ich bin dafür, dass man den Strom in einem Konstrukt von Wettbewerbsmarkt verselbständigt. Dabei gilt es, gesamtgesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, die auch die Umwelt einschliesst. Was heisst das, die Umwelt einzuschliessen?

EN: Es gibt nur Wenige, die heute noch nicht kapiert haben, dass Energieeinsatz mit Umweltfolgen zu tun hat. Beim Energieeinsatz geht es folglich auch um die Frage nach erneuerbaren Energien und um vorsorglichem Umweltschutz. Dies ist besser und billiger als nachher die Umwelt zu reparieren. Deshalb muss der vorsorgende Umweltschutz beim Elektrizitätsmarkt integriert werden, denn der Billigste ist nicht unbedingt der wünschenswerteste.

Was kennzeichnet denn ein Strommarkt mit integriertem, vorsorgendem Umweltschutz?

EN: Die Europäische Union wollte die Strommarkt-Liberalisierung in ihrem Binnenmarkt, weil sie Effizienzgewinn und Wohlstandssteigerung, Wirtschaftswachstum und so weiter, wünschte. Dazu gehörte auch eine Regelung über den Umweltschutz und Effizienz. Mit der Binnenmarkt-Richtlinie wurden den nationalen Gesetzgebern gleichzeitig Möglichkeiten geschaffen, nach ihren Vorstellungen Vorrang für erneuerbare Energien einzuräumen und/oder für Wärmekraftkopplung. Wir sehen, der Strommarkt sollte von Anfang an mit ökologischen Komponenten ausgestattet werden(wie z.B. Deutschland, Dänemark, Holland).

Die Brüssler Kommission lancierte bereits eine Richtlinie für Strom aus Erneuerbaren Energien. Was wissen Sie?

EN: Kürzlich hat die EU sogar "Weissbücher" herausgegeben und Entwicklungspläne für die erneuerbaren Energien vorgeschlagen. Wie der Wettbewerbsmarkt am besten mit Öko-Aspekten gestaltet wird, da laufen die Diskussion über Quotenmodelle und Mindestpreisregelungen. Für Letzteres entschied sich zum Beispiel Deutschland. Mindestpreise, heisst z.B. eine generelle Vergütung 99 Pfennig/Kilowattstunde für Solarstrom und 17,8 Pfennig für Windstrom. Wenn wir in der Schweiz den Strommarkt liberalisieren, dann sollten wir uns über die ökologischen Leitplanken unsere Gedanken machen.

Seitens der Elektrizitätswirtschaft gibt es Widerstand gegen Mindestpreisregelungen und Quoten, da dies zu Wettbewerbsverzerrungen führten - ein Widerspruch?

EN: Wenn wir über Öko-Lenkungsabgaben und Mindestpreise reden, dann kommen immer die Klagen: das killt Arbeitsplätze, das exportiert Arbeitsplätze, gefährdet den Standort und so weiter... Wiederkehrend soll damit das Nein zu lenkenden Instrumenten auf dem Energiepreis abgewehrt werden. Diese Argumentation ist allerdings fehlerhaft. Richtigerweise ist es so wie ich erklärt habe, dass wir den Elektrizitätsmarkt neu ordnen und eben diese Neuordnung  versehen wir notwendigerweise mit ökologischen Leitplanken. Übrigens müssen wir deshalb auch die "Förderabgabe" durchbringen, weil damit eben  gesamtgesellschaftlich und nicht von ein paar wenigen Idealisten dafür gesorgt wird, dass sauberer Wasserkraftstrom und anderer sauberer Strom im liberalisierten Euro-Strommarkt bestehen bleiben kann.

Also: erst Umweltgesetzlichkeit und Strommarkt-Liberalisierung ergeben die richtige Mischung für die Schweiz?

EN: Der Wunsch nach Tiefstpreisen ist nur eine Position innerhalb der Bestrebungen, Wettbewerb zu gestalten. Wie die Umwelt da reinspielt, lässt sich konkret regeln, wie gesagt. Wir brauchen eben beides im neuen Elektrizitätsmarkt, Öko-Leitplanken und Wettbewerbsverhältnisse, die für faire Verhältnisse auf diesem Markt sorgen statt Monopolwirtschaft.

Was heisst das?

EN: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir mit dem Monopol einige Probleme hatten. Da konnte der Monopolist machen, was er wollte, zum Beispiel die Elektra Baselland. Die konnte sagen, wir wollen an der Ergolz ein Kraftwerk bauen. Sie nahm in Kauf, dass das Kraftwerk für 22 Rappen die Kilowattstunde erzeugt. Dafür  ist sie sogar vors Gericht gegangen. Trotzdem hatte sie gleichzeitig die Macht, denjenigen 22 Rappen Vergütung zu verweigern, die gleich nebenan mit der Solarzellenanlage "Fraumatt" in Liestal Solarstrom erzeugen - und selbst heute von 22 Rappen träumen. Gegen solche Zustände brauchen wir den Markt.

Gerade an der Verkäuflichkeit von aufwändigerem Öko-Strom wird gezweifelt soll er künstlich am Leben erhalten werden?

EN: Das kommt darauf an, wie man es sieht: wenn uns die Aspekte Gesundheit und Umwelt bei der Stromerzeugung -ob mit Kohle oder Atomkraftwerken - egal ist, dann ist auch das Engagement für Solarstrom egal. Wenn wir Gesundheit und Umwelt für wesentlich halten - und es uns nicht einfach Wurst ist -, müssen wir uns was einfallen lassen. Dies spiegeln die Debatten über die Lenkungsabgabe wider. Ansonsten könnten wir die Umweltfrage ja aufgeben und z.B. wieder auf Katalysatoren verzichten, die Autos würden zweifelsfrei billiger, der Verzicht auf bleifreies Benzin und auf irgendwelche Lärmschutzmassnahmen würde viel Geld sparen.

Also zurück zum "Kasino-Kapitalismus"?

EN: So gesehen ist die Frage der Regelung des Ökostromes unbedingt auch eine Frage der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung und nicht Nebensache. Ähnliche Debatten hatten wir ja auch beim Kehrichtsack. Das war genau die gleiche Debatte wie bei den Lenkungsabgaben und keine Familie musste bis heute verlumpen oder auf ihre Tasse Kaffee verzichten, weil wir die Abfallunkosten lenkend eingesetzt haben.

Spannungslos: Baselbieter Elektrizitätsmarkt-Politik

Wieso soll der Kanton auf den billigsten Strom verzichten, sondern radioaktivitätsfrei produzierten einkaufen, wie Sie im Landrat vorschlagen?

EN: Der Kanton hat eine Verfassung, da heisst es, er soll sich gegen Atomstandorte einsetzen. Das hat man auch gemacht. Aber wir müssen diesen Verfassungsartikel auch im aktuellen Umfeld leben. Das wird in der Strommarktliberalisierung zur Folge haben, dass der Kanton sich erstmals nicht nur gegen Standorte sondern generell gegen Atomstrom wenden kann. Das konnte er in der Monopolsituation nicht. Ausserdem könnte er ein schweizweites elektrizitätspolitisches Signal abgeben. So, wie es die Credit Suisse Group gemacht hat, die sich ja zu sechzig Prozent Wasserkraftstrom beglaubigen liess und dies plakativ bekanntmachte.

Also könnte der Kanton in die Elektrizitätsmarkt-Diskussion einsteigen?

EN: Mit 35 Gigawattstunden gehört der Kanton zu den grossen Strombezügern in der Region mit entsprechender Nachfragemacht. Ich fordere ja nicht, dass sofort gehandelt wird, sondern der Kanton soll sich das mal überlegen, wie die Baselbieter elektrizitätspolitische Verfassungsnorm am geschicktesten gelebt wird. Der Kanton Bern hat über die Auswirkungen der Strommarktliberlasierung ein dickes Buch anfertigen lassen - in unserem Kanton wird es schwierig sein, dazu überhaupt ein beschriebenes A4 Blatt zu finden...

Haben sich Landrat und Regierungsrat bis heute nichts überlegt, wie die Baselbieter Gesetzesziele im Strommarkt gelebt werden sollen? Mit den Elektra-Genossenschaften kann ja nicht mehr unbedingt gerechnet werden: ein ehemaliger EBM-Vizedirektor und heutiger Chef der Elektrizitätswerke Zürich sagte kürzlich, nur die kleinen Werke und die mit mehr als einer Million Kunden überleben. Wie sieht man das?

EN: Dazu habe ich zuwenig Hintergrundwissen, um diese Aussage bewerten zu können. Vielleicht sollten sich die Kantonsbehörden dazu wirklich einmal Gedanken machen. So, wie der Kanton energiepolitisch gerüstet ist, scheint er kaum genügend reflektiert zuhaben, um den elektrizitätswirtschaftlichen Herausforderungen vorausschauend zu begegnen. Zuletzt hätte er sich ja sogar in die Diskussion der Wasserkraft in der Schweiz einschalten können, da der Kanton ja an den Kraftwerken Augst und Birsfelden Anteile hält - aber zur Förderabgabe sagt er beispielsweise nichts.

 Könnte der Kanton in weiteren Bereichen als heute tätig werden?

EN: Zum Beispiel im Bereiche Biomasse, Gülle -da macht er nichts. Gegenwärtig eines der wichtigsten Themen in Europa überhaupt. Mit einem Standardprogramm könnte der Kanton helfen, dass die Bauern sinnvoll Energie aus Gülle gewinnen. Oder die Solarstrombörse, die die Zürcher vor fünf Jahren einführten und die Basler ins Gesetz aufnahmen - im Baselbiet: •tote Hose". Mit den Elektras haben wir es nicht hinbekommen, mehr als eine Feigenblattversion zu verwirklichen.

Was ist mit den Kantonalen Volksbegehren von 1997, "Faktor 4" und "Solar-Intiative"?

EN: Bis heute haben wir nicht einmal Gelegenheit erhalten, unsere Vorstellungen bei der Umweltschutzdirektorin direkt zu präsentieren. Regierungsrätin Elsbeth Schneider redet seit drei Jahren über Nachhaltigkeitspolitik, geschehen ist noch nichts. Was wird sie machen? Irgendeinen Gesprächskreis einsetzen. In Liestal bräuchte es nach "Rio" und "Kyoto" nicht noch mehr Gesprächskreise und warme Worte, sondern Aktionspläne und Handlungsstrategien. Seitenanfang

 


Persönlich

Obwohl erst seit zwei Jahren Landrat und seit letztem Jahr zusätzlich Präsident der SP Baselland, steht Eric Nussbaumer schon länger im Rampenlicht Baselbieter Öffentlichkeit. Seine politischen Interessen  gelten vorrangig der Sozial- und Wirtschaftspolitik. Obwohl nicht unbedingt der energiepolitische Sprecher der SP Baselland, geniessen seine energiewirtschaftlichen Ausführungen Beachtung. Als Geschäftsführer der ADEV Energiegenossenschaft kennt er seit 1988 die steten Kontroversen über Elektrizitäts- und Energiepolitik. Die letzte grosse Auseinandersetzung wurde über die Mindesthöhe von dezentral erzeugtem Strom ausgefochten. Das Baselbieter Rückliefermodell machte letztlich Schule und wurde im Eidgenössischen Energiegesetz berücksichtigt. Die Diskussion um eine ökologisch-ökonomische Marktwirtschaft hat Eric Nussbaumer schon zahllose Stunden gekostet - und wird es weiterhin.Seitenanfang